Nicht jeder Vater, der nach einer Trennung weniger präsent ist, hat sich bewusst gegen sein Kind entschieden. Konflikte, finanzielle Belastungen und anhaltende Erschöpfung können dazu beitragen, dass Väter immer weiter aus dem Alltag ihrer Kinder geraten. Ein modernes Familienrecht sollte deshalb nicht nur Pflichten durchsetzen, sondern auch ermöglichen, dass engagierte Eltern ihre Beziehung zu ihren Kindern erhalten können.
Wenn aus einem Vater langsam ein Fremder wird
Es gibt ein Narrativ über Väter, die nach einer Trennung aus dem Leben ihrer Kinder verschwinden, das sich erstaunlich hartnäckig hält. Sie seien gegangen. Sie hätten sich gegen ihre Familie entschieden. Sie wollten nicht mehr da sein oder hätten schlicht kein Interesse daran, Vater zu sein.
Manchmal stimmt das. Es gibt Väter, die sich bewusst zurückziehen, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen oder den Kontakt zu ihrem Kind abbrechen. Das darf man weder verschweigen noch schönreden. Aber es gibt eben auch die andere Realität: Väter, die ihr Kind lieben, die präsent sein wollen und die trotzdem irgendwann immer weniger Teil seines Alltags werden.
Dieser Rückzug geschieht häufig nicht an einem einzigen Tag. Er kann sich über Monate oder sogar Jahre entwickeln. Eine schwierige Trennung, wiederkehrende Konflikte zwischen den Eltern, komplizierte Umgangsregelungen, finanzielle Belastungen und ständige Auseinandersetzungen können dazu führen, dass aus einem engagierten Vater irgendwann ein erschöpfter Vater wird. Und aus einem erschöpften Vater kann irgendwann ein Vater werden, der sich zurückzieht.
Das bedeutet nicht, dass das System für jeden Kontaktabbruch verantwortlich ist. Aber es bedeutet, dass wir genauer hinschauen sollten, bevor wir über einen Vater urteilen, der irgendwann nicht mehr so präsent ist wie früher.
Wie ein schleichender Rückzug entstehen kann
Nach einer Trennung müssen Eltern ihr gesamtes Familienleben neu organisieren. Wo lebt das Kind? Wann ist es beim Vater? Wann bei der Mutter? Wer bringt es zur Schule, wer holt es ab, wer übernimmt Arzttermine, Hobbys und Ferien? Was zunächst nach organisatorischen Fragen klingt, kann schnell zu einem dauerhaften Konflikt werden, wenn die Eltern keine gemeinsame Lösung finden.
Das klassische Residenzmodell, bei dem das Kind seinen Lebensmittelpunkt überwiegend bei einem Elternteil hat und der andere Elternteil regelmäßigen Umgang wahrnimmt, ist dabei weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt des deutschen Familienrechts. Gleichzeitig haben sich die Lebensrealitäten vieler Familien verändert. Väter möchten sich stärker an der Betreuung beteiligen, Mütter sind berufstätig und immer mehr Eltern suchen nach Betreuungsmodellen, bei denen beide weiterhin einen wesentlichen Teil des Alltags ihres Kindes übernehmen.
Das Wechselmodell kann dafür eine Möglichkeit sein. Es ist allerdings keine Lösung, die für jede Familie und jedes Kind gleichermaßen geeignet ist. Entscheidend sind die konkrete Lebenssituation, die Bedürfnisse des Kindes, die Entfernung zwischen den Haushalten und insbesondere die Fähigkeit der Eltern, miteinander zu kooperieren.
Das Problem beginnt dort, wo ein Vater mehr Verantwortung übernehmen möchte, diese Betreuung aber immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen führt. Jede zusätzliche Übernachtung wird diskutiert, jede Veränderung muss abgestimmt werden und aus einer einfachen Frage des Familienalltags wird möglicherweise eine rechtliche Auseinandersetzung.
Was als Wunsch beginnt, für das eigene Kind da zu sein, kann dadurch irgendwann zu einer erheblichen Belastung werden.
Wenn finanzielle Belastung und familiärer Konflikt zusammenkommen
Zu den Konflikten rund um die Betreuung kommt für viele Väter eine zweite Belastung hinzu: die finanzielle Verantwortung. Nach einer Trennung müssen häufig zwei Haushalte finanziert werden, während der Kindesunterhalt weiterhin zuverlässig geleistet werden soll. Gleichzeitig entstehen auch während der eigenen Betreuungszeiten Kosten. Essen, Kleidung, Freizeitaktivitäten, Fahrtwege und eine Wohnung, in der das Kind Platz hat, gehören zum Alltag eines Vaters, der sein Kind regelmäßig bei sich betreut.
Das ist zunächst kein Argument gegen Kindesunterhalt. Kinder haben einen Anspruch darauf, dass ihre Eltern für ihren Lebensunterhalt einstehen. Aber die finanzielle Realität eines getrennten Vaters besteht eben nicht ausschließlich aus der monatlichen Überweisung an den anderen Elternteil. Sie besteht auch aus den Kosten des eigenen Haushalts und aus den Ausgaben, die während der gemeinsamen Zeit mit dem Kind entstehen.
Gerade wenn ein Vater ohnehin nur über einen begrenzten finanziellen Spielraum verfügt, kann diese Situation dauerhaft belastend werden. Der Urlaub wird schwieriger planbar, größere Anschaffungen werden verschoben und selbst scheinbar kleine Ausgaben können plötzlich eine Rolle spielen. Wenn zusätzlich hohe Fahrtkosten entstehen oder das Kind regelmäßig im eigenen Haushalt betreut wird, wächst die finanzielle Belastung weiter.
Hinzu kommt, dass finanzielle Sorgen selten isoliert bleiben. Sie können Auswirkungen auf die gesamte Lebenssituation haben. Wer ständig darüber nachdenken muss, wie die nächste Rechnung bezahlt werden soll, hat möglicherweise weniger Kraft für die Auseinandersetzungen, die eine Trennung ohnehin mit sich bringen kann. Und wer über längere Zeit das Gefühl entwickelt, trotz aller Anstrengungen nicht voranzukommen, kann irgendwann erschöpft sein.
Unterhaltsfähigkeit und Vaterliebe sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wer Schwierigkeiten hat, die finanzielle Belastung zu tragen, ist deshalb nicht automatisch ein Vater, der sich seiner Verantwortung entziehen will.
Wenn aus Engagement Erschöpfung wird
Genau an diesem Punkt müssen wir vorsichtig sein. Nicht jeder Vater, der sich irgendwann zurückzieht, wurde durch das Unterhaltsrecht oder die Familiengerichte dazu gebracht. Es wäre genauso falsch, jedem Kontaktabbruch automatisch ein Systemversagen zugrunde zu legen, wie jeden weniger präsenten Vater als gleichgültig oder verantwortungslos abzustempeln.
Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensgeschichten. Manche Väter ziehen sich bewusst zurück. Andere kämpfen über Jahre darum, den Kontakt zu ihrem Kind aufrechtzuerhalten, und verlieren irgendwann die Kraft. Wieder andere finden trotz schwieriger Rahmenbedingungen einen Weg, präsent zu bleiben. Die Realität lässt sich nicht in ein einziges Erklärungsmuster pressen.
Gerade deshalb sollte ein Rückzug nicht erst dann betrachtet werden, wenn der Kontakt bereits weitgehend abgebrochen ist. Wenn ein Vater immer seltener anruft, Besuche verkürzt oder weniger Verantwortung übernimmt, lohnt sich die Frage, was diesem Rückzug vorausgegangen ist. Gab es anhaltende Konflikte zwischen den Eltern? Waren die Übergaben schwierig? Hat der Vater versucht, mehr Betreuung zu übernehmen? Sind finanzielle Probleme hinzugekommen? Oder hat er sich tatsächlich bewusst gegen eine stärkere Beteiligung entschieden?
Die Antwort kann unterschiedlich ausfallen. Aber erst wenn diese Fragen gestellt werden, lässt sich die Situation wirklich verstehen.
Was beim Kind ankommt, ist etwas anderes als das, was Erwachsene erleben
Für ein Kind ist die Situation ohnehin eine andere. Es kennt die rechtlichen Auseinandersetzungen nicht in ihrer ganzen Tragweite und kann die finanziellen Probleme seiner Eltern kaum einordnen. Es erlebt vielmehr, dass Papa früher häufiger angerufen hat, dass Besuche nun seltener stattfinden oder dass gemeinsame Pläne immer wieder nicht zustande kommen.
Ein Kind denkt nicht in unterhaltsrechtlichen Kategorien. Es fragt sich möglicherweise einfach, warum Papa nicht mehr so oft da ist.
Genau deshalb ist es wichtig, die Beziehung zwischen Vater und Kind nicht allein anhand von Umgangstagen oder Übernachtungszahlen zu betrachten. Die aktuelle Forschung macht deutlich, dass nicht ein bestimmtes Betreuungsmodell allein darüber entscheidet, wie gut Kinder mit einer Trennung umgehen. Entscheidend sind unter anderem die Qualität der Beziehung zum jeweiligen Elternteil, die Verlässlichkeit des Kontakts und die Fähigkeit der Eltern, trotz ihrer Trennung möglichst konstruktiv miteinander umzugehen.
Das bedeutet auch: Ein Wechselmodell ist nicht automatisch die beste Lösung für jedes Kind. Aber ebenso wenig sollte eine umfangreiche Beteiligung des Vaters am Alltag als etwas betrachtet werden, das lediglich aus zusätzlichen Umgangsterminen besteht. Wenn ein Vater sein Kind regelmäßig betreut, Verantwortung übernimmt und eine enge Beziehung zu ihm pflegt, ist das ein wesentlicher Teil des Familienlebens nach der Trennung.
Wenn ein Vater bleiben will, sollte das Recht diesen Wunsch nicht unnötig erschweren
Genau hier liegt ein wichtiger Punkt für die Reform des Familienrechts. Es geht nicht darum, jeden Vater automatisch in ein bestimmtes Betreuungsmodell zu bringen. Es geht darum, einem Vater, der Verantwortung übernehmen möchte, die Möglichkeit zu geben, diese Verantwortung auch tatsächlich zu leben.
Wenn beide Eltern in der Lage sind, ihr Kind gemeinsam zu betreuen, kann eine umfangreiche Beteiligung des Vaters eine gute Lösung sein. Ob daraus ein Wechselmodell, eine andere Form der erweiterten Betreuung oder eine ganz individuelle Regelung entsteht, muss von den Umständen der jeweiligen Familie abhängen. Das Kindeswohl muss dabei der entscheidende Maßstab bleiben.
Problematisch wird es dort, wo zusätzliche Betreuung nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen des Kindes scheitert, sondern an einem dauerhaften Konflikt zwischen den Erwachsenen oder an Strukturen, die eine flexible Lösung unnötig erschweren. Ein Vater, der sein Kind häufiger sehen möchte, sollte nicht grundsätzlich erst jahrelang um jede zusätzliche Betreuungszeit kämpfen müssen.
Das gilt umso mehr, wenn er nachweislich Verantwortung übernimmt. Wer sein Kind zu Arztterminen bringt, bei den Hausaufgaben hilft, Freizeit organisiert, während der Woche betreut und selbstverständlich Teil des Alltags ist, ist nicht lediglich ein Elternteil für die Wochenenden. Diese Form der Betreuung sollte auch als das gesehen werden, was sie ist: gelebte Elternschaft.
Mehr Betreuung bedeutet nicht automatisch weniger Unterhalt
Ein weiterer Punkt macht die Situation für viele Väter besonders schwierig. Eine umfangreichere Betreuung führt nicht automatisch dazu, dass die finanzielle Belastung im gleichen Verhältnis sinkt. Unterhaltsrechtlich ist die Situation wesentlich komplexer. Auch bei erheblicher Betreuung können weiterhin Barunterhaltspflichten bestehen, wobei die konkrete Berechnung von den jeweiligen Umständen abhängt.
Damit entsteht für manche Väter eine Situation, die sich im Alltag widersprüchlich anfühlt: Sie übernehmen einen erheblichen Teil der Betreuung, tragen während dieser Zeit die Kosten ihres Kindes und leisten gleichzeitig weiterhin Barunterhalt. Das bedeutet nicht, dass der Kindesunterhalt deshalb grundsätzlich falsch berechnet wäre. Es zeigt aber, dass Betreuungsleistung und finanzielle Leistung im geltenden System nicht immer so zusammenwirken, wie Betroffene es intuitiv erwarten.
Genau diese Schnittstelle muss bei einer Reform genauer betrachtet werden. Wer Betreuung fördern möchte, darf nicht nur darüber sprechen, wie viel Zeit ein Kind bei welchem Elternteil verbringt. Es muss auch darum gehen, welche finanziellen Belastungen mit dieser Betreuung verbunden sind und wie beide Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden können.
Wenn ein Vater irgendwann nicht mehr kann
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen einem Vater, der nicht will, und einem Vater, der nicht mehr kann. Von außen sehen beide Situationen möglicherweise ähnlich aus. Ein Vater meldet sich weniger, sieht sein Kind seltener oder beteiligt sich nicht mehr so stark am Alltag. Für das Kind kann das Ergebnis schmerzhaft sein, unabhängig davon, warum es dazu gekommen ist.
Aber die Ursachen können völlig unterschiedlich sein. Der eine Vater hat sich bewusst entschieden, keine Verantwortung mehr zu übernehmen. Der andere hat über Jahre versucht, seine Rolle als Vater aufrechtzuerhalten und ist irgendwann an einer Kombination aus Konflikten, finanzieller Belastung und persönlicher Erschöpfung gescheitert.
Das eine darf nicht mit dem anderen verwechselt werden.
Deshalb sollte ein gerechtes Familienrecht nicht nur Sanktionen und Pflichten kennen, sondern auch Strukturen schaffen, die Eltern dabei unterstützen, ihre Beziehung zum Kind nach einer Trennung aufrechtzuerhalten. Beratung, Mediation, praktikable Betreuungsregelungen und transparente finanzielle Rahmenbedingungen können dabei eine wichtige Rolle spielen.
Denn wenn ein Vater erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn er bereits völlig aus dem Leben seines Kindes verschwunden ist, ist es möglicherweise zu spät.
Väter sind nicht nur Unterhaltspflichtige
Ein weiteres Problem der öffentlichen Debatte liegt darin, dass Väter nach einer Trennung häufig zuerst über ihre finanzielle Verpflichtung definiert werden. Wie viel verdient er? Wie viel muss er zahlen? Gibt es Rückstände? Wie hoch ist der Selbstbehalt?
Diese Fragen sind notwendig, wenn Unterhalt berechnet werden muss. Sie beschreiben aber nicht den Menschen dahinter.
Ein Vater kann gleichzeitig Unterhaltspflichtiger und liebevoller Vater sein. Er kann finanziell unter Druck stehen und trotzdem jeden Morgen sein Kind zur Schule bringen wollen. Er kann Schwierigkeiten haben, den geforderten Betrag aufzubringen, und trotzdem alles daransetzen, seinem Kind ein verlässlicher Vater zu sein.
Die finanzielle Leistungsfähigkeit eines Menschen sagt deshalb nicht automatisch etwas über seine emotionale Verantwortung aus.
Genau diese Unterscheidung sollte auch in der öffentlichen Diskussion wieder stärker berücksichtigt werden.
Ein gerechtes System muss Engagement ermöglichen
Wenn wir wollen, dass Kinder nach einer Trennung möglichst stabile Beziehungen zu beiden Eltern behalten können, müssen wir deshalb nicht nur über Umgangsrechte sprechen. Wir müssen auch darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen Eltern brauchen, um diese Beziehungen tatsächlich leben zu können.
Ein Vater, der regelmäßig betreut, braucht Zeit. Er braucht eine Wohnung, in der sein Kind Platz hat. Er braucht Geld für die gemeinsamen Aktivitäten und den Alltag. Und er braucht ein Mindestmaß an Planungssicherheit. Wenn all diese Voraussetzungen ständig durch Konflikte oder finanzielle Überforderung gefährdet werden, kann selbst ein ursprünglich sehr engagierter Elternteil irgendwann an seine Grenzen kommen.
Das bedeutet nicht, dass der Unterhalt für das Kind plötzlich zweitrangig wäre. Die finanzielle Absicherung des Kindes bleibt eine zentrale Verantwortung beider Eltern. Aber ebenso wichtig ist, dass ein Elternteil nicht so stark belastet wird, dass ihm die Kraft für die eigene Elternrolle fehlt.
Genau deshalb gehört der Selbstbehalt in diese Diskussion. Ein Selbstbehalt soll sicherstellen, dass der Unterhaltspflichtige seinen eigenen notwendigen Lebensbedarf decken kann. Die Frage, wie hoch dieser Betrag sein muss, damit ein Mensch nicht nur irgendwie existiert, sondern sein Leben tatsächlich bewältigen und auch seine Elternrolle ausüben kann, ist eine berechtigte politische und gesellschaftliche Frage.
Denn ein Vater braucht nicht nur Geld für Miete und Lebensmittel. Wenn er sein Kind bei sich hat, braucht er auch den finanziellen Spielraum, um gemeinsam mit ihm am Leben teilzunehmen. Ein Ausflug, ein Kinobesuch, ein Geburtstagsgeschenk oder ein gemeinsamer Urlaub sind keine Voraussetzung dafür, ein guter Vater zu sein. Aber sie gehören für viele Familien zu einer normalen gemeinsamen Kindheit dazu.
Was FairBessern verändern möchte
FairBessern fordert deshalb kein Familienrecht, das Väter pauschal bevorzugt. Wir fordern auch kein Modell, nach dem jedes Kind automatisch zur Hälfte bei beiden Eltern leben muss. Dafür sind Familien und Kinder zu unterschiedlich.
Wir wollen vielmehr einen Rechtsrahmen, der die tatsächliche Betreuung ernst nimmt und Eltern unterstützt, wenn beide Verantwortung übernehmen wollen und können. Ein Vater, der sein Kind regelmäßig betreut, sollte nicht das Gefühl bekommen, dass zusätzliche Verantwortung grundsätzlich zu einer zusätzlichen Belastung führt, ohne dass seine tatsächliche Betreuung angemessen berücksichtigt wird.
Gleichzeitig müssen auch die Belastungen des betreuenden Elternteils berücksichtigt werden. Eine faire Reform darf nicht so tun, als würde Betreuung auf der einen Seite keine Kosten verursachen oder als wäre die finanzielle Verantwortung des anderen Elternteils automatisch unbegrenzt. Beide Eltern tragen Verantwortung. Die Frage ist, wie diese Verantwortung fair verteilt werden kann.
Das Ziel sollte deshalb nicht sein, den einen Elternteil auf Kosten des anderen zu entlasten. Das Ziel muss ein System sein, das die tatsächliche Lebenssituation der gesamten Familie möglichst realistisch abbildet.
Väter verschwinden nicht immer freiwillig
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger werden, wenn wir über Väter sprechen, die nach einer Trennung weniger präsent sind. Der Satz „Er ist gegangen“ kann richtig sein. Aber er muss nicht immer die ganze Geschichte erzählen.
Manchmal hat ein Vater eine bewusste Entscheidung getroffen. Manchmal gab es einen langen Konflikt, der ihn immer weiter aus dem Familienalltag gedrängt hat. Manchmal waren es finanzielle Sorgen, die seine Möglichkeiten eingeschränkt haben. Manchmal kamen mehrere Belastungen gleichzeitig zusammen. Und manchmal weiß am Ende niemand mehr genau, an welchem Punkt aus einem engagierten Vater ein erschöpfter Vater geworden ist.
Das Kind sieht davon häufig nur das Ergebnis. Es merkt, dass Papa seltener anruft, dass gemeinsame Zeit weniger wird oder dass bestimmte Dinge nicht mehr stattfinden. Für das Kind ist das schmerzhaft, unabhängig davon, welche Gründe dahinterstehen.
Genau deshalb sollte die Gesellschaft nicht erst reagieren, wenn der Kontakt bereits abgebrochen ist. Wir sollten früher darüber sprechen, wie Eltern nach einer Trennung unterstützt werden können, ihre Beziehung zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Und wir sollten dabei nicht nur auf die finanzielle Seite schauen, sondern auch auf Konflikte, Kommunikation, Betreuung und die tatsächliche Lebenssituation der Familie.
Für Kinder zählt nicht, wer den Streit gewonnen hat
Am Ende geht es bei dieser Diskussion nicht darum, ob ein Vater oder eine Mutter im Streit um Betreuung und Unterhalt Recht bekommen hat. Ein Kind braucht keine Sieger und Verlierer. Es braucht verlässliche Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und ihm Sicherheit geben.
Das kann nach einer Trennung manchmal schwierig sein. Es gibt Situationen, in denen ein Wechselmodell nicht funktioniert. Es gibt hochkonflikthafte Elternbeziehungen, große Entfernungen oder andere Umstände, die eine umfangreiche Betreuung durch beide Eltern erschweren. Das muss ein Familienrecht berücksichtigen.
Aber dort, wo beide Eltern sich engagieren wollen und die Voraussetzungen dafür vorhanden sind, sollte das Recht diesen Wunsch unterstützen. Nicht jeder Vater, der mehr Zeit mit seinem Kind verbringen möchte, sollte erst beweisen müssen, dass er ein außergewöhnlich guter Vater ist. Und nicht jede Mutter sollte befürchten müssen, dass eine stärkere Beteiligung des Vaters automatisch gegen sie gerichtet ist.
Mehr Beteiligung eines Vaters bedeutet nicht weniger Bedeutung der Mutter. Ein Kind kann beide Eltern brauchen und beide Eltern lieben.
Deshalb sollte die Frage nicht lauten, wie wir Väter möglichst lange in der Rolle des Besuchselternteils halten. Sie sollte lauten, wie wir Eltern nach einer Trennung dabei unterstützen, weiterhin gemeinsam Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen.
Sie brauchen verlässliche Eltern, die trotz der Trennung Verantwortung übernehmen können. Wo beide Eltern präsent sein wollen und es dem Kind guttut, sollte das Familienrecht diese Beziehung nicht unnötig erschweren.
Das System sollte Väter nicht verlieren
Ein Vater, der sein Kind liebt und Verantwortung übernehmen möchte, sollte in einem modernen Familienrecht Möglichkeiten finden, diese Rolle auch nach einer Trennung zu leben. Wenn er trotzdem irgendwann immer weniger präsent ist, sollte die erste Reaktion nicht automatisch Verurteilung sein. Es sollte die Bereitschaft geben, die Ursachen zu verstehen und dort anzusetzen, wo Veränderungen möglich sind.
Vielleicht lässt sich dadurch nicht jeder Kontaktabbruch verhindern. Manche Entscheidungen treffen Menschen selbst, und dafür tragen sie auch selbst Verantwortung. Aber ein System kann sehr wohl Rahmenbedingungen schaffen, die Engagement erleichtern oder erschweren.
FairBessern will einen Rahmen, der Engagement erleichtert.
Ein Rahmen, in dem Betreuung nicht nur als Umgang betrachtet wird. Ein Rahmen, in dem die tatsächliche Verantwortung beider Eltern sichtbar wird. Ein Rahmen, in dem der notwendige Selbstbehalt nicht nur eine Zahl auf dem Papier ist, sondern den Unterhaltspflichtigen tatsächlich in die Lage versetzt, sein eigenes Leben zu führen und für sein Kind da zu sein.
Denn ein Kind profitiert nicht davon, wenn sein Vater finanziell funktioniert, aber menschlich irgendwann keine Kraft mehr hat.
Es profitiert von einem Vater, der da sein kann.
Von einem Vater, der zuhört, wenn es von der Schule erzählt. Der bei den Hausaufgaben hilft. Der mit ihm lacht, wenn etwas Lustiges passiert. Der tröstet, wenn etwas schiefgeht. Der nicht nur Unterhalt überweist, sondern Teil des Lebens seines Kindes bleibt.
Väter verschwinden nicht immer freiwillig. Manche werden durch eine Kombination aus Konflikten, Belastungen und Erschöpfung immer weiter an den Rand gedrängt.
Das muss nicht bei jedem Vater so sein. Aber wenn wir verhindern wollen, dass Kinder den Kontakt zu einem wichtigen Elternteil verlieren, sollten wir auch diese Möglichkeit ernst nehmen.
Das ist keine Forderung gegen Mütter. Es ist keine Forderung gegen Kindesunterhalt. Und es ist keine Forderung, jedem Vater automatisch mehr Betreuung zu geben.
Es ist die Forderung nach einem Familienrecht, das Eltern dabei unterstützt, Eltern zu bleiben.
Auch nach einer Trennung.
Auch dann, wenn es schwierig wird.
Und vor allem dann, wenn ein Vater eigentlich bleiben möchte.
