News  ·  02. Juli 2026  ·  Selbstbehalt

Alles richtig gemacht – trotzdem arm: Wenn das System die Falschen bestraft

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Warum verantwortungsbewusste Eltern trotz Vollzeitjob immer häufiger an ihre finanziellen Grenzen geraten

Es gibt eine Form von Ungerechtigkeit, die besonders schwer zu ertragen ist. Nicht die Ungerechtigkeit, die jemanden trifft, der sich bewusst über Regeln hinwegsetzt. Sondern die, die genau jene Menschen trifft, die sich an alle Regeln halten, Verantwortung übernehmen und jeden Monat versuchen, ihren Verpflichtungen gerecht zu werden.

Genau diese Menschen melden sich täglich unter unserer Petition zu Wort. Ihre Geschichten unterscheiden sich in Details, aber sie erzählen immer dieselbe Geschichte: Sie arbeiten, sie zahlen Unterhalt, sie verzichten auf vieles – und trotzdem reicht das Geld kaum zum Leben.

Einer dieser Menschen ist Gilbert aus Mönchengladbach. Sein Kommentar besteht nur aus wenigen Sätzen, doch er beschreibt eine Realität, die viele Betroffene sofort wiedererkennen.

Stimme aus der Community:

„Ich habe mein eigenes Leben auf das Minimalste runtergeschraubt. Ich habe ständig Angst, dass irgendwas zu zahlen ansteht, das mir das Genick bricht.“

Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine ganze Tragweite zu erfassen.

Gilbert beschreibt keinen Luxusverzicht. Er spricht nicht davon, auf Fernreisen, ein neues Auto oder teure Hobbys verzichten zu müssen. Er beschreibt einen Alltag, der vollständig von Vorsicht geprägt ist. Jede ungeplante Rechnung wird zur Bedrohung. Jede Reparatur kann das Haushaltsbudget zum Einsturz bringen. Jede Nebenkostenabrechnung wird zur Quelle schlafloser Nächte.

Diese dauerhafte Unsicherheit verändert Menschen. Sie sorgt dafür, dass sie Anschaffungen aufschieben, notwendige Arztbesuche hinauszögern oder selbst kleine Wünsche ihrer Kinder mit einem schlechten Gewissen ablehnen müssen. Nicht weil sie verantwortungslos wären, sondern weil schlicht kein finanzieller Spielraum mehr vorhanden ist.

Dabei tut Gilbert genau das, was der Staat von ihm erwartet. Er arbeitet. Er zahlt Unterhalt. Er übernimmt Verantwortung. Genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage: Warum führt genau dieses verantwortungsvolle Verhalten immer häufiger in die finanzielle Enge?

Ein Kommentar, der für Tausende steht

Gilbert ist mit seiner Situation keineswegs allein. Wer die Kommentare unter unserer Petition liest, erkennt schnell ein Muster. Es sind Menschen aus völlig unterschiedlichen Regionen Deutschlands, mit unterschiedlichen Berufen und verschiedenen Einkommen. Dennoch ähneln sich ihre Erfahrungen erstaunlich stark.

Ein Vater aus Seeheim-Jugenheim schreibt, dass er Vollzeit arbeitet und seinen Unterhalt zuverlässig zahlt, seinen Kindern aber trotzdem vieles nicht mehr ermöglichen kann. Aus Pritzwalk berichtet ein Betroffener, er arbeite vierzig Stunden in der Woche und lebe dennoch „wie Hartz 4“. Benjamin aus Bonn beschreibt, wie ihn das bestehende System trotz fünfzig Stunden Arbeit pro Woche zunehmend in eine Depression drängt.

Diese Kommentare stammen nicht aus einer einzelnen Region und sie beschreiben keine außergewöhnlichen Einzelfälle. Sie entstehen unabhängig voneinander – und doch zeichnen sie immer dasselbe Bild: Menschen, die Verantwortung übernehmen, geraten wirtschaftlich immer stärker unter Druck.

Gerade deshalb lohnt es sich, hinter die einzelnen Schicksale zu schauen. Denn wenn dieselben Erfahrungen an so vielen unterschiedlichen Orten entstehen, spricht vieles dafür, dass die Ursache nicht bei den Betroffenen selbst liegt. Dann muss die Frage erlaubt sein, ob das Problem möglicherweise im System steckt.

Warum aus Verantwortung so oft finanzielle Überforderung wird

Natürlich kostet ein Kind Geld. Daran besteht kein Zweifel. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass beide Elternteile Verantwortung übernehmen und zum Unterhalt ihres Kindes beitragen. Genau darin liegt der Grundgedanke des deutschen Unterhaltsrechts.

Doch zwischen diesem Grundgedanken und der Realität vieler Betroffener scheint inzwischen eine immer größere Lücke zu entstehen.

Das bestehende System orientiert sich in erster Linie am bereinigten Nettoeinkommen des barunterhaltspflichtigen Elternteils. Wer mehr verdient, zahlt mehr Unterhalt. Das erscheint zunächst nachvollziehbar. Problematisch wird es jedoch dann, wenn steigende Einkommen nicht gleichzeitig zu einem spürbar besseren eigenen Lebensstandard führen.

Viele Väter berichten genau davon. Sie übernehmen Überstunden, arbeiten an Wochenenden oder nehmen einen zusätzlichen Nebenjob an, um ihre finanzielle Situation zu verbessern. Doch ein erheblicher Teil dieser zusätzlichen Einnahmen fließt unmittelbar wieder in den Unterhalt oder erhöht andere Belastungen. Der persönliche finanzielle Gewinn fällt dagegen oft überraschend gering aus.

Genau dadurch entsteht ein Gefühl, das sich durch zahlreiche Kommentare zieht: Mehr Einsatz verändert die eigene Lebenssituation kaum.

Dabei geht es nicht darum, weniger Unterhalt zahlen zu wollen. Es geht um die Frage, ob ein System dauerhaft funktionieren kann, wenn zusätzliche Leistung für viele Betroffene kaum noch spürbare Verbesserungen mit sich bringt.

Leben im Dauerzustand der Unsicherheit

Besonders belastend ist dabei weniger der einzelne Monat als vielmehr die ständige Angst vor dem nächsten unerwarteten Ereignis.

Eine kaputte Waschmaschine. Eine Autoreparatur. Eine hohe Nachzahlung für Strom oder Heizkosten. Für viele Familien gehören solche Ausgaben zum normalen Leben. Für zahlreiche unterhaltspflichtige Eltern werden sie dagegen schnell zu existenziellen Problemen.

Wer keinen finanziellen Puffer mehr bilden kann, lebt dauerhaft im Krisenmodus. Jede Rechnung wird zunächst darauf geprüft, ob sie überhaupt noch bezahlt werden kann. Jeder Brief im Briefkasten sorgt für Anspannung. Aus Vorsicht werden notwendige Anschaffungen verschoben, Freizeitaktivitäten gestrichen und selbst kleine Wünsche der Kinder immer häufiger mit einem schlechten Gewissen abgelehnt.

Diese Form der dauerhaften Unsicherheit bleibt nicht ohne Folgen. Sie führt zu Stress, Schlafproblemen und einer psychischen Belastung, die sich über Jahre hinweg immer weiter aufbauen kann.

Benjamin aus Bonn bringt dieses Gefühl mit einem einzigen Wort auf den Punkt: Depression.

Das ist kein Begriff, den man leichtfertig verwendet. Umso ernster sollte er genommen werden, wenn Menschen ihn im Zusammenhang mit ihrer wirtschaftlichen Situation benutzen. Denn finanzielle Dauerbelastung endet nicht am Monatsende. Sie begleitet Betroffene rund um die Uhr und verändert ihren gesamten Alltag.

Wer ständig darum kämpfen muss, wirtschaftlich über die Runden zu kommen, verliert irgendwann Kraft. Und genau diese Kraft fehlt anschließend dort, wo sie eigentlich am wichtigsten wäre: im Leben mit den eigenen Kindern.

Wenn Erschöpfung das Familienleben verändert

Kinder nehmen sehr genau wahr, wie es ihren Eltern geht. Sie merken, wenn Sorgen den Alltag bestimmen. Sie spüren, wenn gemeinsame Unternehmungen immer seltener werden oder ein Elternteil ständig erschöpft wirkt.

Viele Väter berichten deshalb nicht zuerst über ihr eigenes Leid. Sie sprechen vielmehr darüber, dass sie ihren Kindern immer weniger bieten können. Nicht nur finanziell, sondern auch emotional.

Wer nach einer langen Arbeitswoche zusätzlich unter ständigem finanziellen Druck steht, verfügt häufig nicht mehr über die Energie, das Wochenende aktiv zu gestalten. Ausflüge werden verschoben. Gemeinsame Erlebnisse bleiben aus. Nicht weil der Wille fehlt, sondern weil die Erschöpfung den Alltag bestimmt.

Genau darin liegt eine der größten Schwächen des bestehenden Systems. Es bewertet vor allem finanzielle Leistungsfähigkeit. Die menschlichen Folgen dauerhafter wirtschaftlicher Überforderung bleiben dagegen weitgehend unsichtbar.

Ein gerechtes System misst sich an den Folgen

Gesetze werden nicht allein daran gemessen, welche Ziele sie verfolgen. Entscheidend ist auch, welche Folgen sie in der Realität haben. Genau an diesem Punkt lohnt sich ein nüchterner Blick auf das bestehende Unterhaltsrecht.

Wenn immer mehr verantwortungsbewusste Eltern berichten, dass sie trotz Vollzeitbeschäftigung kaum noch ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten können, dann sollte das nicht als individuelles Schicksal abgetan werden. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich die Rahmenbedingungen von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen entfernt haben.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die den Druck zusätzlich verschärft. Die Lebenshaltungskosten sind in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Mieten erreichen vielerorts neue Höchststände, Energie bleibt teuer und auch Lebensmittel belasten die Haushaltskassen deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren.

Trotzdem orientiert sich der notwendige Selbstbehalt noch immer an Beträgen, die diese Entwicklung nur unzureichend widerspiegeln. Besonders deutlich wurde dieser Widerspruch zum 1. Juli 2026. Während die allgemeine Pfändungsfreigrenze auf 1.589,99 Euro angehoben wurde, blieb der notwendige Selbstbehalt für erwerbstätige Unterhaltspflichtige weiterhin bei lediglich 1.450 Euro.

Damit entsteht eine schwer nachvollziehbare Situation: Menschen, die gesetzlich Verantwortung für ihre Kinder übernehmen und regelmäßig Unterhalt zahlen, verfügen über einen geringeren geschützten Mindestbetrag als Personen ohne Unterhaltspflichten.

Genau diese Diskrepanz macht deutlich, warum FairBessern seit Beginn der Petition eine grundlegende Reform fordert. Es geht nicht darum, Unterhalt infrage zu stellen. Es geht darum, denjenigen Eltern, die ihren Verpflichtungen nachkommen, auch die wirtschaftliche Grundlage zu erhalten, damit sie diese Verantwortung dauerhaft tragen können.

Verantwortung braucht wirtschaftliche Stabilität

Ein Elternteil, der jeden Monat bis an seine finanzielle Grenze belastet wird, kann auf Dauer weder für sich selbst noch für sein Kind die notwendige Stabilität aufbringen. Wer ständig Angst vor der nächsten Rechnung haben muss, lebt nicht nur wirtschaftlich unsicher. Diese Unsicherheit wirkt sich auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Familienleben aus.

Deshalb darf ein gerechtes Unterhaltsrecht nicht ausschließlich danach fragen, wie viel gezahlt werden kann. Es muss ebenso berücksichtigen, wie viel einem Menschen verbleiben muss, um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben.

Genau deshalb fordert FairBessern einen Selbstbehalt, der sich an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten orientiert und automatisch mit der Entwicklung des allgemeinen Existenzminimums wächst. Verantwortung darf nicht dazu führen, schlechter geschützt zu sein als Menschen ohne diese Verantwortung.

Denn eines zeigen die zahlreichen Kommentare unter unserer Petition sehr deutlich: Die meisten Betroffenen möchten sich ihrer Verantwortung gar nicht entziehen. Sie wollen arbeiten. Sie wollen Unterhalt zahlen. Sie wollen für ihre Kinder da sein.

Was sie sich wünschen, ist etwas sehr Grundlegendes: Dass ihnen nach Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten noch genügend bleibt, um selbst würdevoll leben und ihrem Kind auch außerhalb einer monatlichen Überweisung ein guter Vater sein zu können.

Wer alles richtig macht, darf nicht arm werden.

Ein gerechtes Unterhaltsrecht schützt Kinder – aber es muss auch die wirtschaftliche Existenz der Eltern sichern, die Verantwortung übernehmen. Unterstütze unsere Petition und hilf mit, den Selbstbehalt endlich an die Lebensrealität anzupassen.

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